Im Juni 2018 trieben mehr als 22 Millionen Tonnen Sargassum auf dem Atlantik – eine Menge, die selbst erfahrene Meeresforscher überraschte. Diese schwimmende Braunalgenmasse ist mittlerweile so groß, dass Satelliten sie problemlos aus dem Weltraum erfassen können. Was lange wie ein regionales Küstenphänomen wirkte, hat sich zu einem der aufmerksamkeitsstärksten Ozeanprobleme unserer Zeit entwickelt.
Der braune Gürtel, den Satelliten aus dem All erkennen
Sargassum ist keine gewöhnliche Alge. Sie wurzelt nicht am Meeresboden, sondern treibt frei an der Oberfläche – teils in riesigen, zusammenhängenden Feldern, die tausende Kilometer weit reichen. Seit 2011 dokumentieren Satellitenbilder regelmäßig einen sogenannten Großen Atlantischen Sargassumgürtel, der sich von der westafrikanischen Küste bis in den Golf von Mexiko erstreckt. Ein Forschungsteam um Mengqiu Wang von der University of South Florida hat dieses Muster im Fachjournal Science beschrieben und damit die wissenschaftliche Wahrnehmung des Phänomens grundlegend verändert.
Warum erscheint die Alge manche Jahre massiver als andere ? Die Meeresströmungen fungieren als Haupttransportweg. Im Winter treiben nährstoffreiche Auftriebsgewässer vor Westafrika die erste Wachstumsphase an, im Frühjahr und Sommer liefert der Amazonas mit seinem Süßwasserausstoß zusätzliche Nährstoffe. Das Ergebnis ist ein saisonaler Verstärkungseffekt, der die Biomasse von Jahr zu Jahr unterschiedlich stark ausfallen lässt.
Im Mai 2025 registrierte EUMETSAT einen neuen Rekord : Satellitenmessungen ergaben schätzungsweise 37,5 Millionen Tonnen Sargassum – das entspricht etwa 41 Millionen metrischen Tonnen. Diese Zahl ist nicht nur beeindruckend, sie ist alarmierend. Denn die Satellitentechnik des Copernicus-Programms ermöglicht inzwischen Echtzeitprognosen, die Küstengemeinden und Schifffahrtsbehörden frühzeitig warnen können.
Was das Algenwachstum wirklich antreibt
Nährstoffe im Meer sind nicht per se schädlich – Pflanzen brauchen sie zum Wachsen. Das Problem entsteht, wenn zu viel Stickstoff und Phosphor ins Wasser gelangen. Brian E. Lapointe mit Deanna F. Webber und Rachel A. Brewton vom Harbor Branch Oceanographic Institute der Florida Atlantic University hat vier Jahrzehnte Daten ausgewertet. Ihr Befund im Fachjournal Harmful Algae ist eindeutig : Der Stickstoffgehalt von Sargassum stieg um rund 55 Prozent, gemessen an 849 Proben über mehrere Jahrzehnte.
Woher kommt dieser Stickstoff ? Die Hauptquellen lassen sich klar benennen :
- Landwirtschaftliche Düngemittel, die über Flüsse ins Meer gespült werden
- Ungeklärte oder unzureichend geklärte Abwässer aus Küstenstädten
- Atmosphärischer Eintrag durch Saharastaub, der als natürlicher Dünger auf dem Ozean landet
- Nährstoffreiche Flussausträge, vor allem durch den Amazonas
Dieser letzte Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit. Saharastaub funktioniert als mineralisches Düngemittel für Phytoplankton – und indirekt auch für Sargassum. Wenn Staubwolken über den Atlantik ziehen, wie im Februar 2026 bei einem großflächigen Calima-Ereignis über den Kanarischen Inseln und Kap Verde, tragen sie Nährstoffe ins Wasser. Was in der Luft Atemwegsprobleme verursacht, kann auf dem Ozean das Algenwachstum befeuern.
| Jahr | Geschätzte Sargassum-Masse | Bemerkung |
|---|---|---|
| 2018 (Juni) | 22 Millionen Tonnen | Erstmals wissenschaftlich dokumentierter Rekord |
| 2025 (Mai) | ~37,5 Mio. metrische Tonnen | Neuer Satelliten-Rekordwert (EUMETSAT) |
Die Folgen an den Küsten und was Anwohner wirklich spüren
Solange Sargassum im offenen Meer treibt, erfüllt es durchaus eine ökologische Funktion. Es bietet Fischen, Schildkröten und zahlreichen Kleintieren Schutz und Nahrung – eine Art mobiles Ökosystem. Das Bild ändert sich drastisch, sobald diese Massen an Strände gespült werden. Dort verrottet die Alge schnell und setzt dabei Schwefelwasserstoff und Ammoniak frei. Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA warnt ausdrücklich : Empfindliche Personengruppen können bei starkem Sargassumbefall an der Küste Atemwegsbeschwerden und Kopfschmerzen entwickeln.
Franko zu riechen ist das eine – wirtschaftlich zu spüren ist das andere. Tourismusregionen in der Karibik und entlang der mexikanischen Küste kämpfen seit Jahren mit massiven Strandomspülungen, die Badegäste vertreiben und Reinigungskosten in die Höhe treiben. Die Grenze zwischen Naturphänomen und handfestem Alltagsproblem verschwimmt hier vollständig.
Wohin wandert der Sargassumgürtel als nächstes ?
Forscher beobachten nicht nur das Wachstum der Alge – sie verfolgen auch ihre geografische Verschiebung. Eine 2025 in Nature Geoscience veröffentlichte Studie beschreibt einen starken Rückgang von Sargassum im nördlichen Sargassomeer seit 2015. Gleichzeitig deuten wärmere Meerestemperaturen und häufigere marine Hitzewellen im Golf von Mexiko darauf hin, dass sich die Verbreitungsgebiete verschieben – nicht nur ausdehnen.
Das ist wissenschaftlich bedeutsam. Nicht das bloße Wachstum ist das beunruhigendste Signal, sondern die Tatsache, dass das Ökosystem seine räumliche Ordnung verliert. Wenn Sargassum-Massen plötzlich in Regionen auftauchen, die darauf nicht vorbereitet sind, fehlen lokale Infrastruktur, Frühwarnsysteme und Erfahrungswerte. Genau hier liegt der Handlungsbedarf : Küstenregionen sollten schon jetzt in Monitoring-Systeme und Notfallpläne investieren – und nicht erst dann, wenn die nächste Rekordmasse vor ihrer Haustür liegt.










